Redebeitrag zur Demo gegen rechte Gewalt in Bitterfeld am 9.7.21

Das Offene Antifaplenum Halle grüßt die wenigen coolen Leute aus Bitterfeld und Umgebung, die für ihr klimapolitisches und antifaschistisches Engagement oder allein sogar für ihr Anderssein regelmäßigen Bedrohungen und Attacken von Neonazis, AfD-Wählern und anderen Arschlöchern ausgesetzt sind.


Wir stehen in voller Solidarität hinter euch, denn wir wissen, dass ihr es nicht leicht habt in dieser Stadt:


Wer hier am Status Quo rüttelt, der wird als Nestbeschmutzer stigmatisiert und von staatlichen Institutionen und politischen Mandatsträgern in akuten Bedrohungslagen sabotiert oder mindestens allein gelassen. Hohe Arbeitslosenzahlen, eine gewisse Lethargie und eine durchaus berechtigte Angst vor der vollständigen sozialen Abgehängtheit prägen hier den Alltag der Durchschnittsbevölkerung.


Der größte Teil von ihnen tritt in Konsequenz nach unten, auf Migranten, auf Sozialschwache oder personifiziert die Probleme unserer zugegebenermaßen beschissen eingerichteten Gesellschaft; ganz verkürzt gesagt: wird Rassist oder Antisemit. Und dabei ist nicht nur die neugegründete Neonazikameradschaft oder der hohe Stimmanteil für die Faschisten von der AfD gemeint. ‚Wer weiß, wie in Gegenden wie dieser hier bei familiären Geburtstagsfeiern über Schwule gesprochen wird; wie für sogenannte Kinderschänder nichts anderes als der möglichst grausame und am besten eigenhändig herbeizuführende Tod als gerechte Strafe empfunden wird; wo Asiaten ganz selbstverständlich als „Fidschis“ firmieren, der weiß: Es bedarf keiner bekennenden Nazis, um Fantasien von der Reinigung der Gemeinschaft von imaginierten Störenfrieden zu schüren. Der Hass auf das „Andere“ ist nirgendwo so tief verwurzelt, wie in Gegenden, wo es das „Andere“ kaum gibt.‘ (1)


Die erfreuliche Ausnahme von diesem Alltagswahnsinn bilden ein paar junge Menschen und eine gewisse linke Festung.


Was also tun?Die dringenste aber unlösbar scheinende Aufgabe besteht in unseren Augen darin – frei nach einem leicht abgewandelten Zitat – sich weder von der Dummheit der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.Das heißt konkret, nicht Teil der Tristesse zu werden. Ein Leben hier, muss ein Leben im beständigen Einspruch gegen die erlebten Zumutungen bedeuten. Die Gefahr besteht jedoch, diese Zumutungen irgendwann nicht mehr als solche wahrzunehmen und sich schlussendlich an sie zu gewöhnen oder an ihnen zu zerbrechen.


Es lohnt sich für eine andere Welt zu kämpfen. Gleichzeitig ist es aber keine Schande sich einzugestehen, dass dieser Kampf in der ostdeutschen Provinz ein verzweifelter bleiben wird und ein Wegzug im Zweifel die richtige Entscheidung für die eigene physische und psychische Unversehrtheit darstellt.
Sicher: um den Kampf für die befreite Gesellschaft ist es auch in den nahe gelegenen größeren Städten nicht gerade gut bestellt. Ein gewisses Maß an Anonymität und andere Möglichkeiten zur Selbstentfaltung garantieren in unseren Augen aber durchaus eine bessere Ausgangslage.


Wie auch immer man sich entscheidet: Bei rechten Bedrohungen stehen wir an eurer Seite! Auf das wir auch weiterhin einen Einspruch formulieren, gegen ein Leben, das zu führen wir gezwungen sind.


Offenes Antifaplenum Halle, Juli 2021


(1) https://bonjourtristesse.wordpress.com/2010/02/21/time-to-say-goodbye/

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Erste Schritte
%d Bloggern gefällt das: